In meiner Forschung interessiert mich unsere erkennende (und praktisch manifeste) Selbst- und Weltbeziehung – vor allem dort, wo sie Störungen unterliegt, die auf soziale Präformationen einerseits, aber auch auf eine gewisse „Erkenntnisunlust“, Bedürfnisse oder affektiv strukturierte Widerstände andererseits verweisen.
Philosophiehistorisch recht weit ausgreifend und vielfältig wurde meine Forschung vor allem durch mein Interesse an unterschiedlichen Kategorisierungsweisen derartiger „Störungen“ (oder, wie man etwas vollmundig sagen kann: an unterschiedlichen Modellen epistemischer Unfreiheit) – und durch das damit verbundene Anliegen, kategoriale Vorannahmen, die die Phänomenbestimmung und daran anschließende Diskussionen prägen können, kritisch mitzureflektieren.
Dass vielfach religionsphilosophische Themen – oder sogar hamartiologische Fragen – in meiner Arbeit aufbrechen, liegt daran, dass ich in solchen Reflexionen philosophisch aufschlussreiche „Ausdrucksmöglichkeiten und Sensibilitäten für verfehltes Leben, für gesellschaftliche Pathologien, für das Misslingen individueller Lebensentwürfe und die Deformation entstellter Lebenszusammenhänge“ (Habermas) finde.
Besonders oft gilt mein Augenmerk Autoren, die der Ansicht sind, dass – ungeachtet aller Widrigkeiten – ein fundamentaler Wahrheitsbezug anzunehmen bleibt (der etwa die Möglichkeit der Kritik fundiert oder bestimmte Überzeugungen gegenüber anderen auszeichnen soll). Die Frage, wie ein solcher Wahrheitsbezug jeweils fundiert wird, führt mich zu theoretisch interessanten Implementierungen: beispielsweise zu einem „Gewissen“, zu Konzeptionen einer präreflexiven Selbstbeziehung oder zu Modi der Erschlossenheit, die Stimmungen oder sentiments eine zentrale Rolle zubilligen.
Weil sich im Anschluss die Frage stellt, welche Formen erkennender Selbst- und Weltbeziehung dem guten Leben inwiefern zuträglich oder abträglich sind und ob und wie fundamentale „Selbsttäuschungen“ und Selbstverfehlungen behoben werden können, werden unter anderem epistemische Normen und Tugenden relevant – sowie freiheitstheoretische Fragestellungen und Konzeptionen „therapeutischer“ Interventionen.
Ausführlicher: Einige Aspekte meiner (vor allem jüngeren) Forschung
a) Selbsttäuschung?
Eigentlich wollte ich mit meiner Habilitationsschrift zur aktuellen Debatte um die „Rätsel der Selbsttäuschung“ beitragen – aus Sartre’scher Perspektive. Der Plan war in gewisser Weise aporetisch: Denn wenn Sartres Konzeption der mauvaise foi ernst genommen wird, ist sein Beitrag zur Debatte revisionistisch, weil Sartre meint, dass der konzeptuelle Rahmen der (Fremd-)Täuschung, des Betrugs oder der willentlichen Illusionen die Sache verfehlt. Zu der Sache selbst führt aus Sartres Perspektive einzig der kategoriale Rahmen des „Glaubens“ – oder eben der mauvaise foi.
Liest man Sartre als jemanden, der in der Sache – wenn auch nicht „historisch“ – kategoriale Bedenken gegenüber der gegenwärtigen Debatte artikuliert, zeigt sich beim Blick auf die Tradition, dass er in guter Gesellschaft ist; paradoxerweise gerade dort, wo die aktuelle Forschungsliteratur zunehmend ihr Phänomen – oder etwas zu ihrer Phänomenfamilie Gehöriges – zu finden scheint. Der kategoriale Zugriff durch das Raster der rätselhaften „Selbsttäuschung“ erweist sich dabei als reichlich problematisches Aktualisierungsmedium: Bei der Einverleibung geht vielfach gerade das kritische Potential der historischen Autoren verloren, durch das sie weniger zur Debatte beitragen als diese vielmehr – durchaus im Sinne Sartres, wenn auch auf je eigene Weise – problematisieren und bereichern können.
Aus dem geplanten systematischen Beitrag zu den „Rätseln der Selbsttäuschung“ wurde so eine „Dekonstruktion einer […] Debatte aus historischer Perspektive“, die den Sartre’schen Impuls eines „Durchdenk die Sache doch mal so!“ bei einer Reihe von Autoren auf je eigene Weise wiederfindet. Augustinus bringt mit seiner seductio sui ein dynamisch konstituiertes verkehrtes Selbstverhältnis ins Spiel, bei dem sich das Subjekt durch eine „falsche Imagination“, wie es Schelling später nennen wird, so von der Wahrheit wegführt, dass es den „Sündenfall“ in gewisser Weise immer wieder neu performativ vollzieht. (Das klingt anachronistisch und vielleicht eher kierkegaardianisch – aber derartiges blitzt tatsächlich schon bei Augustinus auf!) Kant wirbt mit seiner „inneren Lüge“ für eine bestimmte Form mangelhafter Gewissenhaftigkeit; Pierre Nicoles illusions sind so stark von sozialen Dynamiken getragen, dass sie sich kaum sinnvoll als „Selbsttäuschung“ ansprechen lassen. Und Pascal denkt viel zu verstockungstheoretisch, um Raum für Dynamiken des Sich-selbst-Täuschens zu lassen.
Genuinere „Selbsttäuschungsdenker“ – wenn auch mit einem eigentümlich weiten Phänomenverständnis – kommen ebenfalls zu Wort: etwa Daniel Dyke, dem wir den ersten systematischen Traktat zu einem ausdrücklich als self-deceit gefassten Phänomen aus dem Jahr 1614 zu verdanken haben und der im Hintergrund der ersten deutschsprachigen Selbstbetrugs- und Selbsttäuschungs-Debatten im 18. Jahrhundert steht. Diese Debatten rekonstruiere ich in groben Zügen und zeichne damit zugleich nach, welche theoretischen Widerstände die Rede von einem wörtlich gemeinten „Selbstbetrug“ zunächst hervorgerufen hat. Bei Wieland wird ihre Diskussion denn auch mit spitzer Ironie in „eine hübsche Gesellschaft“ verlegt, „wo diese Materie, mit aller Seichtigkeit […] durchgebeutelt wurde“. Umso bemerkenswerter ist, wie selbstverständlich sich die Kategorie heute auf sehr viel ältere und durchaus heterogene Phänomene zurückprojizieren lässt.
Selbsttäuschung. Dekonstruktion einer (moral-)philosophischen Debatte aus historischer Perspektive (Tübingen, 2025).
„Würdewidrig und Grund des Bösen? Kant zur inneren Lüge“ (Kant-Studien, 2026).
„Deceiving oneself into faith? – On Pascal’s regimen and its implied conditions of success“ (Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, 2023)
b) Kierkegaard – Zu einem jüngeren Forschungsprojekt und einer Auswahl der damit verbundenen Arbeiten
Sofern Kierkegaard mit seinem pseudonymen Werk die Programmatik eines Hineintäuschens in das Wahre verbindet, das aus einem umfassenden „Sinnentrug“ befreien soll, führt meine Auseinandersetzung mit ihm – die von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert wurde – in gewisser Weise die Faszination fort, die das obige Projekt angetrieben hat. Doch verschieben sich die Akzente.
„Selbstverhältnisse dies- und jenseits des Ärgernisses“ (Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, 2026). Kierkegaard ist durch seinen Schreibstil für viele ein recht ärgerlicher Autor. Er ist auch einer, der das „Ärgernis“ als affektiven Abstoßeffekt des absoluten Paradoxes der Christologie zu einer zentralen Kategorie macht. Selig ist, wer in „die Möglichkeit des Ärgernisses“ gestellt ist – und sich nicht ärgert.
Mich interessiert in diesem Text, ob Kierkegaard theoretisch (und nicht nur exegetisch) gute Gründe hat, diese Disjunktion aus Ärgernis-Nehmen und Nicht-Ärgernis-Nehmen anzubieten (was ich durch eine Analyse der praktischen Identität der sogenannten „ethischen Existenz“ und einer bestimmten Konzeption der „Zusage“ bejahe). Die sehr Kierkegaard-immanente Frage führt auf direktem Weg zu systematisch relevanten Fragen: etwa nach der Möglichkeit einer grundlegenden Transformation praktischer Selbstverhältnisse oder zu der Frage, wie Freiheit gedacht werden muss, wenn „Gnade“ in ihre Bedingungen eingeht, ohne die Struktur der Freiheit als Selbstbestimmtheit zu kompromittieren.
„Ethik für Unsterbliche – ‚Offenbarwerden‘ als Arbeit am ultimativen Bewusstsein“ (Kierkegaard Studies Yearbook, 2025). Heidegger wird immer wieder mit Kierkegaard in Verbindung gebracht, sofern auch dieser dem Tod existenztransformative Kraft bescheinige. Ich schlage eine andere Lektüre vor: Bei Kierkegaard trägt nicht der Tod, sondern der Gedanke der Unsterblichkeit – genauer: eines göttlichen Endgerichts – die transformative Last. Mit ihm verbindet sich die Dringlichkeit, bereits in der Zeit als jene Verantwortungseinheit zu existieren, als welche jeder Einzelne ultimativ angeschaut wird. „Offenbarwerden“ bezeichnet dann die Arbeit an einem solchen „ultimativen Bewusstsein“ – und damit zugleich eine eigentümliche Konzeption praktischer Identität, in der die Frage, wer ich bin und sein soll, von der Frage nach demjenigen, als der ich mich zu verantworten habe, nicht zu trennen ist.
„Kierkegaards Angst-Abhandlung als ‚gottesfürchtige Satire‘“ (Kierkegaard Studies Yearbook, 2023). Hier gehe ich den eigentlich recht offensichtlichen ironischen Brechungen der berühmten Angst-Schrift nach. Nimmt man sie ernst, wird der theoretische Beitrag ihres ersten Kapitels subversiv gebrochen: Er ist keine „neutrale“ Theorie einer Aporie der Freiheit – sprich: des „Sündenfalls“ –, sondern die Selbstauskunft eines von tiefer Angst vor dem Guten und Bösen Gezeichneten, der durch die Art seines theoretischen Entwurfs (und indem er überhaupt zu diesem anhebt) die auf sich geladene Schuld von sich weist. Der Begriff Angst wird dadurch nicht weniger theoretisch faszinierend. Doch verschiebt sich die Pointe der Schrift.
c) Früheres und Wiederkehrendes: Heidegger und Sartre – ausgewählte Arbeiten
Heidegger war Gegenstand meiner Magisterarbeit, deren Kurzform – „Alle Wege führen zu Kant. Heideggers Vorlesung ‚Die Frage nach dem Ding‘ und die Programmatik einer ‚aneignenden Verwandlung‘ Kants“ – zu meiner ersten wissenschaftlichen Publikation wurde.
In einer neueren Arbeit zum einhundertsten Jubiläum von Sein und Zeit (für ein Sonderheft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie) versuche ich, mit geburtstagsfreundlichem Wohlwollen meine früheren Lektüreeindrücke zu revidieren und einer zunächst eher ärgerlichen Zirkularität von Heideggers Gewissenskonzeption eine strukturelle Stimmigkeit einzuzeichnen. Dabei profitiere ich unter anderem von meinen jüngeren Arbeiten zu Zirkelstrukturen bei Kierkegaard.
Neben Heidegger ist Sartre ein immer wiederkehrender Gesprächspartner. Seine Konzeption eines präreflexiven Selbstbezugs habe ich in „Sartre über präreflexives Bewusstsein. Eine kritische Relektüre“ (Konzepte, 2017) untersucht. Die strukturelle Fruchtbarkeit seiner eigentümlichen Unterscheidung von (deskriptiver) Ontologie und (explanatorischer) Metaphysik, der ich in „Weltbegriff und Metaphysik in Das Sein und das Nichts“ (Phänomenologische Metaphysik, 2020) unter anderem nachgegangen bin, habe ich jüngst unerwartet in einer Arbeit zu Kierkegaard wiederentdeckt.
Die Arbeit „Determined to act. On the structural place of acting in Sartre’s ontology of subjectivity“ (The Routledge Handbook of Phenomenology of Agency 2020) mag ich, weil ich dort Sartres eigentümliche Konzeption des néant und einige der erstaunlich weitreichenden systematischen Erwartungen aufschlüssle, die er mit ihr verbindet. Besonders interessiert mich dabei Sartres Versuch zu erklären, warum Bewusstsein wesentlich handelndes Bewusstsein ist. Neben der setzenden Intentionalität des Gegenstandsbezugs lässt sich bei ihm eine projektive Intentionalität rekonstruieren: Bewusstsein entwirft in einer Art „Kurzschluss-Projektion“ einen Wert, wobei dieser Entwurf sich immer schon als praktisches Engagement in seine versuchte Verwirklichung vollzieht. Diese projektive Intentionalität prägt wiederum, wie uns die Welt begegnet: nicht als Welt bloßer Gegenstände, sondern als eine Welt von Aufgaben, Aufforderungen und Möglichkeiten des Handelns. Sartres Konzeption des Handelns wird so aus dem Horizont seiner Ontologie heraus entwickelt.
d) Miszellen
Kann man philosophisch zu Luther publizieren? Durchaus, vor allem wenn es um das Verhältnis von Sollen und Können geht – und wenn der persistente Eindruck zu revidieren ist, Luther sei ein vehementer Kontrahent der These „Sollen impliziert Können“. Tatsächlich bestreitet Luther diese These nicht, sondern vertritt sie leidenschaftlich. Denn sie aufzugeben – „Was ist das anderes, als aus Gott einen Tyrannen und Schinder (tyrannum et carnificem) zu machen, der von uns fordert, was wir nicht leisten können?“ (nach Kleinknecht, WA 40/1, 227, 19 f.)
Allerdings kennt Luther verschiedene Formen des „Gebrauchs“ eines „Sollens“: etwa einen, der – mit gleichsam didaktischer Funktion und als wäre er „quaedam Ironia seu irrisio“ (WA 40/1, 425, 32.28) – den Einzelnen gerade seines Unvermögens überführen soll. Mit dieser Fokussierung ficht Luther die These „Sollen impliziert Können“ nicht an. Vielmehr ist die Einführung dieses besonderen Gebrauchs an die These gebunden, dass ein gewöhnliches Sollen ein Können impliziert. Das zeige ich in „Geforderte Ohnmacht? Luther über ‚Sollen impliziert Können‘“ (Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, 2021).
